Gedanken eines Strokes...
Über das Thema „Dekompression“ wird im Netz jede Menge berichtet. Seien es nun Formeln, Präsentationen, Erfahrungsberichte etc. Sehr viele Wissenschaftler, Ärzte und ambitionierte Taucher beschäftigen sich mit diesem Thema. Man sollte also annehmen, dass dieses Thema gut in den Griff zu bekommen sei. Allerdings ist das definitiv nicht der Fall. Keiner weis im Grunde genau wie die Zusammenhänge zu sehen sind. Somit ist es auch nicht weiter verwunderlich das bei sehr vielen Vorträgen, Programmen und Publikationen zum Ende immer darauf hingewiesen, dass die Angaben ohne Gewähr und unverbindlich sind. Mit anderen Worten die Anwendung von Dekompressionsregeln erfolgt auf eigene Gefahr.
Auch diese Seite wird daran nichts ändern, auch werde ich nicht versuchen die Regeln, Gesetzmäßigkeiten etc. neu aufzubereiten um dann am Ende eine Kopie bereits bestehender Informationen zur Verfügung stellen zu können – deren Ergebnis eh nie den aktuellen Stand der Wissenschaft erreichen kann.
Mit diesem Kapitel möchte ich vielmehr ein paar Entwicklungen beschreiben, die mir im Umgang mit der Dekompression immer öfter auffallen und die ich für sehr bedenklich halte.
Speziell das "DIR System" wirbt immer wieder dafür, dass Sicherheit an erster Stelle steht. Gasvorräte können nicht groß genug sein, Ausrüstungsgegenstände „müssen“ ganz bestimmten Kriterien entsprechen usw. Im Prinzip sind diese „Vorgaben“ eine gute Sache – gestalten sie das Tauchen doch tatsächlich etwas sicherer und einfacher.
Bei der Planung und Ausführung der Dekompressionsphasen scheint Sicherheit allerdings kein großes Thema mehr zu sein. Da werden Gasvorräte so berechnet, dass man mit 10 bar in den Stages aus dem Wasser steigt, da werden Dekozeiten experimentell, entgegen allen Berechungsprogrammen und Richtlinien radikal verkürzt – und dass immer wieder von ausgebildeten „DIR-Propheten“. Nicht zuletzt propagieren sogar hochrangige GUE Funktionäre das vorhandenen Modelle „ungeeignet“ sind und GUE die einzig wahre Lösung hat. Das Stichwort „Deco on the fly“ ist sicher der berühmteste Vertreter.
Tatsache ist allerdings, dass solche Verhaltensweisen einen Unfall begünstigen – also - es wird die hoch gelobte Sicherheit bewusst gefährdet! Manchmal kommt es bei solchen Experimenten (speziell beim Kürzen der Deko) „nur“ zu DCSI Symptomen. Aber selbst diese Zwischenfälle schrecken nicht ab, sie sind auch nicht schlecht oder bedenklich – nein – sie gehören dazu! Und das ist kein Witz, mir wurde genau diese Aussage an den Kopf geschleudert, dass nämlich zum technischen Tauchen eben auch DCSI Unfälle gehören – man müsse diese als „Sportverletzung“ ansehen.
Für mich sind solche Aussagen und Vorgehensweisen nicht nachvollziehbar. Warum sollte jemand das DIR System ernst nehmen, wenn am Ende solche Aussagen getroffen werden? Überall steht die Sicherheit an erster Stelle – und bei der Deko – da wo die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung am Größten ist – geht man aggressiv vor und provoziert regelrecht Unfälle. Dazu kommt noch, dass der gleiche Typ Taucher damit prahlt, dass er besonders kleine Flaschen zum dekomprimieren dabei hatte. „Ach – alles quatsch, den Tauchgang kannst de´ locker mit zwei 40 cuft Flaschen machen“. Auch hier scheint, je weniger Gas, je kleinere Flaschen, je weniger Sicherheitsreserve – desto besser. Übrigens wenn man solche Leute anspricht und sie fragt: „Ja, was ist denn bei Verlust des Dekogases?“ – Dann kommt die alles rettende Antwort – „Kein Problem, ich dekomprimiere dann mit meinem Bottom Gas – Nur auf die Frage „wie lange denn“, kommt immer die zögerliche Antwort, „bis die Flaschen eben leer sind“. Auch solche Aussagen sind m.E. nach unhaltbar, weder Ersatzplan (man rechnet ja schließlich alles im Kopf aus und Tabellen sind nur was für Strokes! ), noch Gasreserven.
Speziell in der „DIR Umgebung “ will man solche Gedanken sicher nicht hören, man zählt schließlich zu den Besten der Besten“. An dieser Stelle versagt meiner Meinung nach das komplette DIR System. Nicht zuletzt weil die „Irvines“ dieser Welt (und es gibt zahlreiche, mindestens gleichwertige Kopien) diese Art des Tauchens propagien und publizieren. Es schlägt sich bis ins taucher.net nieder; auch dort wird von Zeit zu Zeit immer wieder mit Profilen geprahlt, die als eher „kritisch“ zu bewerten sind. Und fast alle Leute steigen mit ein – diskutieren das Profil und bringen sich in die Diskussion ein. Es kommt sogar noch schlimmer, Taucher die ausgiebig dekomprimieren werden als „Weicheier“ und „Anfänger“ abgestempelt. Es ist der Wahnsinn – wer konservativ dekomprimiert kennt sich nicht aus und ist ein „Stroke“. Wenn das nicht bedenklich ist, dann weis ich es auch nicht mehr...
Eine schöne Aussage in diesem Zusammenhang war mal: „Ich bin davon überzeugt, dass sich die Deko nur im Kopf abspielt“ oder „Die von DAN haben doch keine Ahnung – sind doch eh alles Strokes“ oder „die Stopps im sechser Bereich können wir kürzen, schau dir doch mal Profile von George Irvine an, der kürzt noch mehr“ oder „jedes Mal wenn ich mit dem tauchen war hatte ich ´nen DCSI“. Die Liste der Zitate ist lang. Wirklich schade ist, dass diese Aussagen von zertifizierten „GUE Tauchern“ getroffen werden, die sich auch ohne Probleme anmaßen ihren Instruktor anzugreifen, nach dem Motto: “Der hat eh keine Ahnung...ich hab meine Infos direkt von Irvine oder anderen prominenten Deutschen DIR Tauchern.“
Nun, ich bin kein Psychologe und maße mir auch nicht an hier tiefer gehende Kenntnisse vorzutäuschen. Mir fällt allerdings auf, dass innerhalb der technischen Tauchszene eine extreme Profilierungssucht herrscht. Das Tauchen an sich rückt dabei in weite Ferne. Jeder will tiefer, länger, besser, erfahrender und technisch visierter sein als der Rest der tauchenden Menschheit. Und gerade diese Profilierungssucht scheint Menschen dazu anzuregen sinnlose Risiken einzugehen – denn eines ist in den Augen solcher Leute „klar“: Wer entgegen aller Modelle, Regeln und Empfehlungen taucht und trotzdem das ganze gesund übersteht – der muss der „Kenner“ schlecht hin sein. Implizit suggerieren diese Menschen, dass sie sich besser als die gesamte Szene einschließlich der Wissenschaftler auskennen. Einige gibt es auch sicher, die das Risiko besser abschätzen können, nur das Problem ist in meinen Augen, dass die restlichen 98% es nicht können. Ein erheblicher Teil dieser 98% will aber auch zu den vermeidlich BESTEN gehören und ist bereit gewisse Risiken einzugehen um eben zu beweisen, dass sie nicht zu den 98% gehören...
Warum aber nun dieser Monolog und auf was will ich hinaus? Im Prinzip ist es ganz einfach. Ich möchte mit diesem Kapitel erreichen, dass das Bewusstsein für sicheres Dekomprimieren (soweit dies möglich ist) geschärft wird – und dass Taucher die konservativ tauchen keine Anfänger, Strokes oder sonst was sind, sondern nur konsequent den Gedanken der Sicherheit zu Ende denken. Sollte also in Zukunft ein Taucher wieder mit seinen Profilen und „Dekoverkürzungstheorien“ auftauchen, würde ich mir wünschen, dass man sich an diese niedergeschriebenen Gedanken erinnert und für sich bewusst entscheidet ob es das Risiko wert ist, mit solchen Personen tauchen zu gehen.
In diesem Sinne...
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