Ein bisschen Theorie muss sein ...
Theorie? Es ist doch immer das selbe, kennen wir schon alles... bla, bla. Im Prinzip Richtig und aus diesem Grund habe ich auf meiner Seite immer einen großen Bogen um dieses Thema geschlagen. Allerdings gibt es immer wieder Situationen bei denen ich mich wirklich frage was die Leute da eigentlich ausrechnen oder planen. Allein das Thema Gasplanung wird so verschieden angewendet, dass sich einem stellenweise die Nackenhaare aufstellen. Wenn dann auch noch das Thema Dekompression angeschnitten wird, ja dann wird einem schnell klar, dass um dieses Thema kein Bogen geschlagen werden darf. Also werde ich mich auf die allernotwendigsten Dinge in der Theorie beschränken und setze einfach voraus, dass ein gewisses Grundverständnis vorhanden ist.
Die korrekte Gasplanung
Starten wir mit der Gasplanung. Jeder kennt es aus dem 1. Tauchkurs "Immer mit 50bar Restdruck das Wasser verlassen". So oder so ähnlich lautete die erste Regel die wir vermutlich in diesem Zusammenhang alle schon gehört haben. Eigentlich ist an dieser Regel auch nicht viel auszusetzen, vorausgesetzt man wird nie dekopflichtig und taucht im flachen Regionen, ich würde sagen bis max. 20m. Alles was darüber hinaus geht bedarf einer etwas genaueren Herangehensweise. Um es gleich vorwegzunehmen, die 1/3 Regel ist nicht die korrekte Herangehensweise.
Anstelle einer pauschalisierten Regel (z.B. 50 bar Restdruck, 1/3 Regel) muss die Gasplanung auf den tatsächlichen Tauchgangsdaten beruhen - und sie sollte auch immer von dem "Worst Case", also dem schlimmsten Fall innerhalb dieses Tauchgangs ausgehen.
Worst Case Szenario
Was kann jetzt ein "Worst Case" sein? - Auch sehr einfach und einleuchtend:
In der letzten Minute der Grundzeit verliert ein Taucher seinen kompletten Gasvorrat. Wie das passieren kann? Nun, durch den Bruch einer Brücke, durch einen undichten O-Ring an den Flaschenventilen, durch ein defektes Ventil, durch einen starken Hustenanfall gepaart mit einem abblasenden Automaten den man unter Wasser nicht in den Griff bekommt. Ich gebe zu, dass Szenario eines totalen Gasverlustes ist eher gering, aber vorhanden - und damit wird dieses Szenario einer "Worst Case" Annahme vollkommen gerecht.
Würde dieser Gasverlust tatsächlich eintreten, dann muss der Tauchpartner über soviel Reserven verfügen um sich und seinen Tauchpartner, unter Berücksichtigung der geplanten Aufstiegszeiten, sicher zum nächsten Gaswechsel zu geleiten. Wobei wir gleich bei einer wichtigen Annahme sind: Bei dieser Berechnung geht man davon aus, dass sich beide Taucher bis zu diesem Gaswechsel beruhigt haben und dass beide Taucher auch noch über ihr Dekogas verfügen.
Wie viel Gasreserve denn nun tatsächlich?
Die spannende Frage ist also nun, wie viel Gas muss der Tauchpartner als Reserve mit sich führen um seinen Tauchpartner zum ersten Dekostopp zu geleiten?
Eigentlich auch ganz einfach:
Man multipliziere den Durchschnittsumgebungsdruck, der während des Aufstieges anfällt,
mit dem AMV der beiden Taucher und der Zeit die man zur Überwindung der Distanz benötigt.
Der Rechenweg
Bei einem Tauchgang auf 45m müsste eine Distanz von 24m überbrückt werden um den ersten Dekostop auf 21m zu erreichen. Für diese 24m Aufstieg beträgt der Durchschnittsdruck 4,3bar (24m/2= 12m= 1,2bar + 3,1bar). 3,1bar entspricht dem Druck auf 21m.
Wird eine Aufstiegsrate von 3m pro Minute angenommen, würde die Strecke von 24m in 8min. zurückgelegt sein. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass ca. eine Minute in der Tiefe benötigt wird, um überhaupt das Problem zu lokalisieren und zu beheben, ergo sind zu den 8min. noch mindestens eine weitere Minute hinzuzuaddieren. In Summe ergibt sich eine Aufstiegszeit von 9min.
Um die Rechnung zu vervollständigen, muss noch das AMV der beiden Taucher berücksichtigt werden, dabei gilt folgende Grundüberlegung:
Zwei Taucher, die gerade in der Tiefe ein massives Problem gelöst haben, werden sicher nicht mit dem üblichen Standardwert von 20l/min auskommen, realistische Werte liegen hier im Bereich zwischen 30 bis 40l/min und zwar pro Taucher!
Die Gleichung lautet damit:
4,3bar x (40l/min + 40l/min) x 9 Minuten = 3.096 barl = 129bar aus einer Doppel 12
In diesem Fall müssten die Taucher spätestens bei 129bar (bei Verwendung einer Doppel 12) den Aufstieg einleiten... wird mit 2x 30l/min gerechnet ergibt sich ein "Rock Bottom" Wert von 2.322 barl, also ca. 96bar.
Daher eine textliche Beschreibung manchmal Interpretationsspielraum lässt habe ich eine Viso Zeichnung mit den gleichen Inhalten erstellt, und auch noch einige Beispiele aus der Praxis beigefügt. Sollten dann immer noch Verständnisprobleme auftreten, können wir diese gerne im Dialog klären, dazu einfach dass Kontaktformular nutzen.
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Pos. 1: Problem tritt in der letzten Minute der Grundzeit auf. Worst Case Annahme: Totaler Gasverlust bei einem Taucher |
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| Pos. 2: Problem ist erkannt und gebannt, Gasverlust zu 100%, der betroffene Taucher muss alternativ versorgt werden. Zeitdauer für Problemlösung min. 1 Minute |
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| Pos. 3: Bis zu 80% des max. Druckes wird mit 10m/min aufgetaucht. Durchschnittsdruck ist für diese Distanz zu berechnen |
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| Pos. 4: Bis zum ersten Dekostop, hier im Beispiel 21m, wird mit ca. 3m/min aufgetaucht. Durchschnittsdruck ist für diese Distanz zu berechnen |
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| Über die Punkte 2 bis 4 wird der Durchschnittsdruck berechnet, hier kann man glücklicherweise einfach eine Halbierung des zu überwindenen Druckgefälles als Durchschnittswert annehmen. Wichtig ist, dass man den Druck der auf dem ersten Dekostop herrscht nicht vergisst. |
Beispiele zur korrekten Gasberechnung aus der Praxis
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55m - 50% |
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75m-50/20 |
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75m-21/35 |
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100m-21/35 |
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Den Kritikern sei gesagt...
Ich kann mir jetzt schon vorstellen wie die Verfechter anderer Theorien sich die Argumente zurechtlegen - soll'n sie auch ruhig - und jeder kann für sich tauchen wie er will, aber bei der Gasplanung gibt es kein "Ich mach das aber so, weil ich denke das es so richtig ist". Alles Quatsch! Am Ende reicht das Gas nicht und man kommt in übelste Situationen... Und bitte keine Kommentare schreiben, die mich eines Besseren belehren wollen, ein dickes Problem in 80m Tiefe und ich verspreche jedem, dass es grenzwertig wird...
Nach diesen Beispielen brauche ich sicher auch nicht mehr darauf einzugehen, dass ein 100m Tauchgang mit einer Doppel 12 und einem ersten Dekogas auf 21m ein enormes Risiko mit sich bringt, das Leib und Leben bedrohen kann. Klar ist hoffentlich auch geworden, dass die Reserve immer im Doppelpaket mitzuführen ist. Stages als "Bail-Out" sind absolut inakzeptabel.
In diesem Sinne.
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